Chapitre Premier. Les Musiciens antérieurs à la Réforme

Marienlied

‘ Oswald von Wolkenstein
(1376-1445)

1. Wer ist sie, die hervorleuchtet
über allen Glanz der Sonne hinaus
und die für uns erquickend befeuchtet
den verdorrten Kranz ?
Wer ist sie, die den Reigentanz anführt
und dem herrlichen Mai seinen
Pflanzenschmuck schenkt ?
Eine edle, schöne Jungfrau,
die wahrhaftig und wirklich einen Sohn geboren hat,
der auf keusche Weise eins war mit ihrem Vater.
In jungfräulicher Reinheit wurde sie von ihm entbunden,
von ihm, der selbdritt die freie Einheit verkörpert,
durch die wir Hoffnung haben und erlöst sind
aus dem gierigen Höllenrachen.

2. Wer versteht es, die Jungfrau zu verherrlichen
gemäß ihrer edlen Abstammung ?
Fürwahr, auf Erden wurde niemals ein
freundlicheres Mädchen geboren.
Ei, du trautes, liebevolles, keusches Geschöpf !
Deine Schönheit überglänzt wahrhaft deine ganze Gestalt,
genau wie der leuchtende Rubin
ohne Mühe durchscheinend-feinen Glanz hervorbringt
für seine Untertanen in der Goldfassung.
Der Ehrenbanner möchte ich mit völliger Hingabe,
ohne mich herausstreichen zu wollen, triolierend besingen,
und mir von der Schönen bald Gnade erwarten.

3. Wer ist die Rose ohne Dornen, von der man liest erzählt,
Die den großen Zorn ganz auf ihre Schultern lädt,
Wenn sie uns am Jüngsten Tag losmacht aus dem vielgestaltigen,
mächtigen, großen Jammer ?
Wem dann auf schöne Weise ein Endchen des Rettungsseiles aus dem Schloß
zuteil wird, der unbefleckt und voll Heil ist,
der hat dich, Herrin, kennengelernt.
Der Weg zu Hölle wird ihm versperrt.
Ei, du Schöne, Wahrhafte, du Schild,
zebrich des Teufels Lanze, seinen Wurfspieß
pariere ihm, herrliche Jungrau !
Amen.
’